Zainab Farahmand
28. Juni 2022

„Hier interessiert sich niemand für meine einflussreiche Schwiegerfamilie“

„ich bin Lina aus Afghanistan“: So beginnt der Kommentar, den Lina Hussainzadeh auf Facebook schreibt. Sie regiert auf einen Aufruf, den die Nachrichtenplattform Amal, Berlin! im April diesen Jahres gepostet hat: „Wir suchen Erfolgsgeschichten! In Zeiten, wo in erster Linie über Probleme bei der Integration von Geflüchteten die Rede ist, werden Stories gesucht, die der schlechten Stimmung etwas entgegensetzen. Erfolgsstories. Was mit Erfolg gemeint ist, bleibt absichtlich offen, “ stand dort. Lina Hussainzadeh ist eine von knapp hundert Nominierungen. Das besondere an ihrem Vorschlag: Sie nominiert sich selbst.

In ihrer Nachricht beschreibt sie, wie sie mit ihrer Mutter und ihrer damals einjährigen Tochter vor vier Jahren aus Afghanistan übers Mittelmeer nach Deutschland geflohen ist und dann hier ganz von vorne anfangen musste. Acht Mal fällt das Wort „schwierig“ in ihrer Nachricht und die Nachricht ist recht kurz. Sie endet mit dem Satz: „Jetzt helfe ich anderen, damit das Leben für sie nicht mehr schwierig ist. Ich bin sehr glücklich, weil ich weiß, dass ich die Klippen überwunden habe“.

Wer ist diese Frau und worin besteht ihr Erfolg?

Lina Hussainzadeh wohnt in Brandenburg an der Havel. Die 26jährige trägt das Haar offen und blond. Die Kleidung Ton in Ton, dezentes Make-up. Lina Hussainzadeh hat eine große Handtasche bei sich, das Handy immer in Sichtweite. Sie ist Integrationslotsin bei einem freien Träger, der Name sei hier lieber nicht genannt. Sie hilft Menschen, die neu nach Deutschland kommen bei der Wohnungs-, und Jobsuche, hilft beim Ausfüllen von Anträgen, begleitet Menschen zum Arzt. „Ich habe es selbst alles durchgemacht und es macht mich glücklich, dass ich anderen helfen kann, nicht die gleichen Probleme zu haben wie ich“.

Lina Hussainzadeh lädt zu einem Spaziergang ein. Brandenburg im Sonnenschein. Als wir zum Wasser kommen, beginnt sie von ihrer Mutter zu erzählen. Ihre Mutter war mit ihr auf der Flucht. Mit ihr im Schlauboot. Ihre Mutter hat dafür gesorgt, dass Lina Hussainzadeh nicht im letzten Moment aus dem Schlauchboot wieder herausgesprungen ist, um einen Babyschuh aufzuheben, den ihre kleine Tochter abgestrampelt hatte, als sie ins Boot gehoben wurde. Ihre Mutter habe sie den Schuh aufheben lassen, weil sie wusste, dass er ihr wichtig ist, habe aber zugleich dafür gesorgt, dass sie nicht ihren Platz im Schlauboot aufgab. Dieser Moment habe wahrscheinlich darüber entschieden, dass sie nun auf diesem Ufer des Mittelmeeres lebt. „Meine Mutter ist mein großes Vorbild. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, überlege ich, was sie an meiner Stelle machen würde“, sagt Hussainzadeh. In Afghanistan sei zwar ihr Vater dem Namen nach das Familienoberhaupt gewesen, doch ihre Mutter habe das Sagen gehabt und die Belange der Familie geregelt. Lina Hussainzadeh konnte zur Universität gehen und hat mehrere Erzählbände verfasst, mit denen sie sich einen Namen machen konnte. Dann allerdings heiratete sie einen einflussreichen Mann aus noch einflussreicher Familie. Von nun an galt ihr Name nichts mehr, nur noch seiner. „Egal, wo ich hinkam, man hat nie mich als Person gesehen, immer zählte nur der Name der Familie“. Irgendwann hält sie es nicht mehr aus und verlangt die Scheidung. Eine schwierige Angelegenheit und der berühmte letzte Tropfen, weshalb sie sich entscheidet, den gefährlichen Weg der Flucht auf sich zu nehmen. Sie ihre Mutter und ihr Baby machen sich auf den Weg.

Afghanische Männer, die an problematischen Wertvorstellen festklammern

„Oft werde ich gefragt, wo ich die Stärke hernehme, all diese Dinge zu schaffen und meine Antwort ist: Ich bekomme sie, wenn ich meine Mutter anschaue. Nicht, weil meine Mutter stark ist, aber weil sie klare Prioritäten hat und sehr hartnäckig ihre Ziele verfolgt!“, so Hussainzadeh. Der Anfang in Deutschland war schwer: „Wir haben nichts verstanden. Die Sprache nicht und die Menschen auch nicht. Wir hatten eine schlimme Zeit in der ersten Unterkunft, ich suchte eine Wohnung, konnte aber keine finden. Es war eine feindliche Umgebung. Erst als es mir gelang, eine Wohnung in Brandenburg an der Havel zu finden und die Ausbildung zur Integrationslotsin begann, wurde es besser. Sie wird gebraucht und sie kann etwas tun. Manchmal bekomme sie Hilfe-Anrufe sogar mitten in der Nacht. „Das muss ich meinen Kunden noch abgewöhnen“, sagt sie streng. Es ist ihr jedoch anzumerken, dass sie nicht unzufrieden ist, mit ihrer Rolle: „Tatsächlich macht es mich glücklich. Alle paar Tage bekomme ich mit, dass ich ein Problem gelöst habe, das eine geflüchtete Familie belastet hat. Das ist ein tolles Gefühl!“. Oft entstünden die Probleme dadurch, dass die Menschen an aus der Heimat mitgebrachten Wertvorstellungen festklammerten. „Viele afghanische Männer finden, dass sie ihre Frauen hier behandeln sollten, wie daheim. Die Frauen sollen zum Beispiel nicht arbeiten. Damit kommen sie nicht weit und es gibt viele Probleme. Das versuche ich ihnen klarzumachen“, sagt sie.

Sie macht einen zufriedenen Eindruck. „Was mir am besten gefällt, ist, dass sich hier niemand dafür interessiert, aus was für einer Familie ich komme. Meine einflussreiche Schwiegerfamilie in Afghanistan ist hier völlig egal“, sagt sie. So stelle sie sich oft einfach nur mit ihrem Vornamen vor. So wie sie es in der Nachricht auf unserer Facebookseite getan hat. „Ich bin Lina aus Afghanistan!“.  Für sie ist das Erfolg.

Es ist eine von insgesamt zehn Erfolgsgeschichten, die Amal-Redakteur:innen im Rahmen des Projektes GOOD NEWS in Zusammenarbeit mit dem Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf und gefördert durch die Flick Stiftung produziert haben. Weitere Beiträge – zum Teil als Text, zum Teil als Video – finden Sie auf dieser Seite.

Der Artikel ist auch beim Tagesspiegel erschienen.

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