Foto: Jann Wilcken
23/06/2020

Dies Land hat uns Schutz geboten

Beitrag von Nilab Langar

Farsane, 29, ist ist eine von 79,5 Millionen Menschen weltweit, die auf der Flucht vor Krieg und Gewalt ihre Heimat verlassen mussten. Heute lebt sie in Hamburg. Anlässlich des Weltflüchtlingstags (20. Juni) hat Amal-Reporterin Nilab Langar die Geschichte dieser Frau aufgeschrieben.

„Für Leute wie uns, die im eigenen Land ein vergleichsweise gutes Leben hatten, war es nicht leicht durch die Flucht alles hinter sich zu lassen und dann eines morgens im Flüchtlingsheim aufzuwachen. Wir hätten uns nie träumen lassen, viele Tage und Nächte in einer riesigen Halle zu leben und uns mit 40 Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Gewohnheiten das Bad zu teilen. Unter anderen Umständen wäre es für uns auch unvorstellbar gewesen, uns wie im Gefängnis an Essens- und Schlafenszeiten zu halten. Das alles ist uns sehr schwer gefallen.“

Das ist die Geschichte von Farsane. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Kind in Deutschland. Die drei haben viele Hürden und Gefahren überwunden, um in einer Ecke der Welt sichere Zuflucht zu haben. Farsane redet von den hellen Tagen in ihrem Leben, von Lebensplänen, die fast schon in Erfüllung gegangen waren und dann zunichte gemacht wurden.

„Mein Mann machte seinen Bachelor in seinem Lieblingsfach, und ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen, um in meinem Traumberuf zu arbeiten. Ich stand kurz vor dem Durchbruch, um Karriere zu machen. Aber es scheint, dass der vom Krieg geschundenen Generation der Afghanen ein gutes Leben nicht vergönnt ist.“

Die politischen Entwicklungen in Afghanistan und schwierige Sicherheitslage führten 2014 zu einer Krise in Farsanes Heimat. Die Wirtschaft lag danieder, immer wieder gab es Terror-Anschläge. In der Folge kürzten die Geberländer ihre Hilfsmittel für das Land, und viele nationale und internationale Organisationen stellten ihre Projekte ein. Arbeitsplätze fielen weg. Und viele Familien hatten nichts mehr zu essen.

„Vielleicht hätten wir die wirtschaftlichen Probleme noch gestemmt“, sagt Farsane. „Wir waren stark genug, um schwer zu arbeiten – wenn wir dafür hätten in unserem Land bleiben können. Aber die Angst vor Krieg und Tod hat uns den Atem geraubt. Es gab keine Hoffnung. Wir mussten unser Land verlassen, um zu überleben.“

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung und mehr als während des zweiten Weltkriegs.  Das ist nicht nur ein Anstieg von fast neun Millionen Menschen zum Vorjahr. Es ist zugleich die größte Zahl an gewaltsam Vertriebenen, die UNHCR in seiner 70-jährigen Geschichte je registriert hat. Die meisten von ihnen fliehen vor Gewalt, weil ihre Menschenrechte verletzt werden und sie aus politischen, religiösen und ethnischen Gründen verfolgt werden.

Sie suchen nach Sicherheit und einem besseren Leben für sich und ihre Familien – und sie bringen sich dabei in Gefahr. Viele werden von kriminellen Schmugglern unter Druck gesetzt und machen bittere Erfahrungen. Tausende sterben bei dem Versuch, das Mittelmeer oder die Wüste zu durchqueren.

„Aus Angst vor dem Tod haben wir uns auf einen Weg gemacht, dessen Ende wir nicht absehen konnten. Unser Kind war damals ein Jahr alt. Wir hatten es mit einem Tuch auf den Rücken meines Mannes gebunden. So wanderten wir 18 Stunden durchs Gebirge und über die Grenze. Wir atmeten auf, wir hatten das Land verlassen. Aber vor uns lag nun das Monster der See. Mit 50 anderen Menschen stiegen wir in ein Schlauchboot. Wir erreichten das andere Ufer. Die Angst auf der Überfahrt werden wir nie vergessen. Danach ging es tagelang zu Fuß weiter, bis wir endlich das Land erreichten, das viele Migranten für das gelobte Paradies halten.“

Nicht alle, die nach einer schwierigen Reise in den Industrieländern ankommen, können bleiben und bekommen Hilfe vom Staat oder von Hilfsorganisationen. Viele müssen die Länder wieder verlassen.

Die meisten Menschen würden am liebsten in ihrem eigenen Land leben. Sie möchten in ihrer Heimat bleiben oder dahin zurückkehren. Aber das nur, wenn die Lebensbedingungen das zulassen. Sie müssen physisch und psychisch sicher sein und brachen ein Mindestmaß an Wohlstand. Wo das fehlt, verfallen die Abgeschobenen oft in Depression, manche bringen sich sogar um.

Zur Zeit leben 285 Millionen Menschen weltweit in einem anderen Land als dem, in dem sie geboren worden sind.

Anders als die meisten Migrations-Narrative, die von Trauer und Hoffnungslosigkeit geprägt sind, ist Farsanes Geschichte eine Erfolgsgeschichte. Sie hat jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre und arbeitet für eine Organisation, die Migranten unterstützt. „Wir haben in all den Jahren die Hoffnung nicht aufgegeben“, sagt sie. „Wir haben unsere Ziele weiter verfolgt.“ Was sie dabei motiviert hat? „Wir haben eine Verantwortung für unser Kind“, sagt sie. „Und: Dies Land hat uns Schutz geboten. Wir fühlen uns auch gegenüber Deutschland verantwortlich. Wir haben die Sprache gelernt und Weiterbildungen besucht. Jetzt sind wir Einwohner dieses Landes. Wir sind stolz, unsere Pflicht gegenüber diesem Land zu erfüllen.“

Übersetzung: Omid Rezaee mit freundlicher Unterstützung durch die Körber-Stiftung.