Die Friseurin und die Taliban

Als die Taliban Afghanistan einnahmen, löste sich ihr Leben und alles, wofür sie so hart gearbeitet hatte, in Nichts auf. Jetzt lebt sie in einem Dorf in der Nähe von Köln und hofft darauf, ihren Kindheitstraum endlich in Erfüllung gehen zu lassen.

Maryam heißt nicht Maryam, aber die Angst sitzt ihr immer noch im Nacken und sie traut der neuen Sicherheit noch nicht und so haben wir der jungen Frau für diese Geschichte einen neuen Namen gegeben. Maryam stammt aus Herat und schon als kleines Mädchen träumte sie davon, Friseurin zu werden. Bereits mit neun Jahren lud sie die Nachbarsmädchen zu sich ein. „Ich bin Friseurin, ich mache euch zurecht!“, sagte sie und das Ergebnis überzeugte die „Kundinnen“. Kurz darauf kamen die Taliban 1996 das erste Mal in Afghanistan an die Macht und Maryam und ihre Freundinnen durften nicht weiter in die Schule gehen, sie wurden ins Haus verbannt. Maryam frisierte weiter, aber ihr fehlte die Hoffnung und die Motivation, dass sie jemals einen eigenen Salon eröffnen wurde. Es passierte, was passieren musste. Sie heiratete und war bald darauf mit zwei kleinen Kindern, Hausarbeit und Geldsorgen voll eingebunden. Ihren Traum hatte sie da schon fast vergessen, als 2001 die Taliban gestürzt wurden. Ihr Mann ermunterte sie und sie besuchte sie einen Trainingskurs für Friseurinnen. „Es war schwierig, ich hatte die beiden sehr kleinen Kinder und die Hausarbeit, aber ich habe es geschafft“, erzählt sie. Sie arbeitete zunächst von zu Hause und ihre Kundinnen kamen aus der Nachbarschaft. „Das war eine schöne Zeit“, erinnert sie sich. Stück für Stück erweiterte sie das Geschäft und es gelang ihr, eine staatliche Anerkennung zu bekommen. Damit eröffnete sie dann ihren Salon. Sie bildete Lehrlinge aus und machte sich einen Namen.

Was im August 2021 geschah hatte sich für Maryam schon länger angekündigt: Bei ihrem Vormarsch hatten die Taliban in den Städten, die sie einnahmen, bereits Friseursalons für Frauen geschlossen und die Inhaberinnen schikaniert und misshandelt. Nachbarinnen wurden aufgefordert, die Friseurinnen und ihre Kundinnen zu fotografieren, dass die Taliban sie finden können. Viele Friseurinnen nahmen daraufhin ihre Ladenschilder ab und gingen auf Tauchstation. Maryam kam nicht dazu und als die Taliban Herat einnahmen, musste sie sich in Sicherheit bringen. Wie viele Familien ging auch Maryam mit Eltern, Geschwistern und Kindern nach Kabul. Dort blieben sie einige Woche, bis sie nach Deutschland evakuiert wurden.

Sie verließ Afghanistan mit einem schlechten Gefühl. Zwar konnte sie mit ihren beiden Söhnen das Land verlassen, aber ihren Mann musste sie zurücklassen: Er ist vor mehr als einem Jahr morgens zur Arbeit gegangen und nicht mehr wieder nach Hause gekommen. Es fehlt jede Spur von ihm. „Als ich im Flugzeug saß und ich unter mir Afghanistan sah, fühlte ich mich sehr schlecht“, sagt sie. Keiner weiß, was aus ihm geworden ist. Sie befürchtet das Schlimmste.

Deutschland. Inzwischen ist sie angekommen. Sie lebt in einer kleinen, hübschen Stadt in NRW und inzwischen scheint ihr Ziel zum Greifen nah: „Ich muss so schnell wie möglich Deutsch lernen und dann werde ich endlich wieder als Friseurin arbeiten“, sagt sie. „Ich kann es gar nicht erwarten, bis es endlich so weit ist!“.

 

Artikel von Qadir Wafa

, amalhamburg
s