Von Reem Faraj, Damaskus
Reem Faraj gehört zum Team der Amal-Journalistenschule in Damaskus. Sie hat diesen Kommentar für die Zeitschrift Chrismon geschrieben. Dort ist er am 12.Januar erschienen.
Mit dem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad wurden die Statuen von ihm und seinem Vater Hafiz al-Assad vom Sockel gestoßen und ihre Bilder verbrannt. Nun endlich werden sie auch aus unseren Portemonnaies und Hosentaschen verschwinden: Bislang war nämlich das Gesicht von Hafiz al-Assad auf den 1000-Pfund-Scheinen und das von Baschar al-Assad auf den 2000-Pfund-Scheinen zu sehen. Nun haben wir neues Geld. Es zeigt schöne bunte Bilder, außerdem wurden zwei Nullen gestrichen.
Die neuen Geldscheine zeigen nicht nur ein modernisiertes Finanzwesen; sie sind eine symbolische Rückeroberung des wohl intimsten Aspekts im öffentlichen Leben.
Die Diktatorenbilder auf dem Geld waren eine psychologische Last, die wir Syrerinnen und Syrer mit uns herumtrugen. Erinnerten sie uns doch ständig daran, wie umfassend und tief verwurzelt die Macht der al-Assads war.
Das neue Geld zeigt landwirtschaftliche Erzeugnisse: Weizenähren stehen für Würde und Produktivität. Oliven sind Symbole für Frieden, ihre tiefen Wurzeln bedeuten Stabilität. Orangen kann man als Hinweis auf die Vielfalt der syrischen Landwirtschaft lesen. Und sie stammen aus der Küstenregion – ein Bekenntnis zum Zusammenhalt der Regionen. Schließlich sind auch noch Damaszenerrosen auf die Scheine gedruckt. Sie stehen für Authentizität und syrische Geschichte. Kurz: Die Symbolik unserer Währung hat sich grundlegend gewandelt. Statt Personenkult geht es jetzt darum, die Lebensgrundlagen wertzuschätzen.
Wir feiern das neue Geld
Deswegen feiern viele von uns das Geld. Endlich wurden auch unsere Portemonnaies vom Albtraum der Diktatur befreit.
Zumindest fast. Denn noch gelten auch die alten Scheine, was zu Chaos führt. Noch komplizierter wird die Angelegenheit, weil mit der Einführung des neuen Geldes auch zwei Nullen gestrichen wurden: Produkte können also entweder 2.000 Pfund kosten, wenn sie mit einem Assad-Schein bezahlt werden, oder 20 Pfund, wenn sie mit einem der neuen Scheine bezahlt werden.
Die Syrerinnen und Syrer nehmen es mit Humor und haben die Scheine umbenannt. Sie zahlen jetzt mit „Oliven“, „Orangen“ oder „Beeren“. Es ist der Versuch der Bevölkerung, mit der „Nullenverwirrung“ umzugehen.
Zugleich ist klar: Zwei Nullen zu streichen ist nur ein erster Schritt. Jetzt geht es darum, die strukturellen Ursachen anzugehen, die das syrische Pfund in seinen heutigen desolaten Zustand gebracht haben – es hat seit 2011 über 99 % seines Wertes verloren: durch Korruption, Instabilität und Ressourcenverschwendung.
Vor allem geht es darum, das Vertrauen der Syrerinnen und Syrer in den Neuanfang zu stärken. Da reichen keine druckfrischen bunten Geldscheine. Wir brauchen eine spürbare und nachhaltige Verbesserung der Kaufkraft, Preisstabilität und echte Transparenz. Dazu gehört auch, dass die Zentralbank so neu aufgestellt, wird, dass die Menschen ihr vertrauen können. Geld und das, was wir für das Geld bekommen, davon machen vielen Menschen abhängig., ob sie der Regierung vertrauen können. Das Verhältnis zu Staat wird jeden Tag neu definiert: Auf den Gemüsemärkten, in den Bäckereien und in jedem einzelnen Portemonnaie.
