Photo : EPD-Bundeswehr / Torsten Kraatz

Die Geschichte wird ein hartes Urteil fällen…

Unser Schicksal scheint eng mit Krieg und Dunkelheit verknüpft und noch dazu haben verschiedene andere Staaten das afghanische Volk als Werkzeug benutzt. Nun ist die Katastrophe da und bei wem können wir uns beschweren? Bei den korrupten Herrschern, die vom Geld der internationalen Gemeinschaft lebten und riesige Geldsummen auf ausländischen Bankkonten zur Seite schafften? Bei den Regierenden, die sich über die Wahlen lustig machten und die Menschen betrogen haben, so dass sie sich enttäuscht von der Demokratie abwandten? Bei den Beamten, die Spannungen zwischen unseren Volksgruppen verstärkten, um an diesen Turbulenzen zu verdienen? Beim Klerus, der Koran und Hadithe nach ihrem Geschmack und zu ihrem eigenen Vorteil auslegten und sie an die Menschen verfütterten? Oder sollten wir unsere Beschwerde lieber an die internationale Gemeinschaft richten, die das afghanische Volk auf halben Weg allein gelassen und wie ein feiger Freund in den Rücken gestochen hat?

Nach der Niederlage der Taliban im Jahr 2001 profitierte das afghanische Volk trotz der grassierenden Korruption der Beamten von der Präsenz der internationalen Gemeinschaft. Millionen Mädchen und Jungen gingen zur Schule, Frauenrechte wurden in der Gesellschaft zumindest halbwegs verankert, Meinungsfreiheit institutionalisiert, freie und private Medien entstanden. Es wurden Gesundheitsdienste für die Menschen bereitgestellt und die Universitäten boten Hunderttausenden afghanische Mädchen und Jungen die Chance auf eine bessere Zukunft. Insgesamt verbesserten sich Lebensbedingungen und die Lebenserwartung von Männern und Frauen stieg. In Afghanistan ist in den vergangenen zwanzig Jahren etwas gewachsen, aber Leider, bevor dieser Baum Früchte tragen konnte, verließ der Gärtner den Garten, den er angelegt hat und hinterließ den Baum, den er gepflanzt hatte, allein in der Wüste. Er ging, ohne ihn gießen.

Wir sind eine verbrannte Generation

Der von den Taliban vertretene Islam ist nicht der Islam des afghanischen Volkes. Für uns bedeutet Islam gegenseitige Akzeptanz, Toleranz, Hilfe für Bedürftige, Respekt vor älteren Menschen und liebevolle Kinder. Der Islam und die Scharia, wie die Taliban sie nun den Menschen aufzwingen wollen, sind uns fremd. Taliban-Islam ist Gewalt gegen Andersdenkende, Diskriminierung und Verfolgung anderer Glaubensrichtungen und ganz besonders der Schiiten, Studienverbot für Mädchen und Frauen. Frauen müssen zu Hause bleiben. Die Taliban leisten Widerstand gegen jeglichen Fortschritt und Zivilisation. Sie stehen für Auspeitschung, Hinrichtung und Steinigung.

Ich frage mich: Wozu wurden die tausenden Soldaten der internationalen Gemeinschaft getötet und wofür wurden die vielen hundert Milliarden Dollar in Afghanistan ausgegeben? Zu welchem Zweck schickten die Nationen der Welt ihre Truppen nach Afghanistan? Um getötet und verwundet zu werden? Was ist die Antwort für die Mütter und Väter dieser Soldaten? Wie reagieren die Bürger ihrer Länder, deren Gelder für den Bau von Schulen, Krankenhäusern, Dämmen, Straßen und Brücken in Afghanistan ausgegeben wurden und nun von den Taliban wieder zerstört werden?

Kunduz in Trümmern

Die Bundeswehr verbrachte viele Jahre in der Provinz Kunduz und investierte Millionen in Gesundheit, Schulen, Brücken, Landstraßen und ein großes Militärlager, aber die Taliban setzten bei ihrem Einmarsch in Kunduz viele öffentliche Gebäude in Brand. Die Taliban führten diese Operation nicht nur in Kunduz durch, sondern plünderten, terrorisierten, massakrierten und zerstörten viele der von ihnen besetzten Gebiete.

Es besteht kein Zweifel, dass die Taliban diese Siege nicht errungen hätten, wenn sie nicht starke ausländische Unterstützer gehabt hätten. Die Taliban genießen die unerschütterliche Unterstützung des pakistanischen Militärs und der Geheimdienste, sowie der iranischen Revolutionsgarden. Hier muss die internationale Gemeinschaft ansetzen. Sie muss Druck auf Pakistan und den Iran ausüben, um die Taliban daran zu hindern, weiter zu wüten. Es ist die moralische Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere Deutschlands, das Massaker an Frauen und Kindern nicht tatenlos mit anzuschauen. Die Geschichte wird die Führer dieser Länder in Zukunft beurteilen, und das Urteil der Geschichte ist sehr grausam. Das gilt übrigens auch für normale Bürger: Lass deinen Namen nicht als gleichgültiger Beobachter in die Geschichte eingehen. Es muss alles daran gesetzt werden, das Massaker und die Zerstörung Afghanistans zu stoppen. 

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