Khalid Al Aboud
20. September 2023

Grenzerfahrung

Ort für Grenzerfahrung: Die Kreuzkirche in Bremerhaven hat sich zu einem Treffpunkt für Geflüchtete entwickelt, die nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre Religion verlassen haben, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen.

Info: Dieser Text wurde von zwei Mitgliedern des Amal-Teams gemeinsam geschrieben: Khalid Al Aboud und Julia Gerlach waren im Rahmen der Amal-Tour in der Kreuzkirche in Bremerhaven. Hier trafen sie Geflüchtete, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind und sprachen mit Pastor Götz Weber, der Menschen auf ihrem Weg zur Taufe begleitet. Für beide Journalisten war das Thema herausfordernd.

Khalid Al Aboud hatte zuvor noch nie mit Menschen gesprochen, die den Islam ganz offiziell verlassen haben. Er fragte sich: Wie kann man über ein solches Thema schreiben, ohne die arabischen Amal-Leser:innen so zu verärgern, dass sie den Text nicht lesen?

Julia Gerlach sah ihr Bild der evangelischen Kirche erschüttert, weil diese nach ihrer Auffassung mit gutem Grund bislang auf Abstand zu allen Arten der Missionierung unter Geflüchteten gegangen ist. Was bedeutet es, wenn hier nun eine Gemeinde Konvertiten gezielt anspricht und Taufen anbietet? So ist dies ein Text über eine besondere Gemeinde mit außergewöhnlichen Menschen. Er spiegelt zugleich die Perspektiven der Autor:innen wider, die sich ihrer Haltung dem Thema gegenüber bewusst sind. Die Passagen sind voneinander durch das Schriftbild abgesetzt.

 

Grenzerfahrung aus Sicht eines arabischen Journalisten

Khalid Al Aboud:

Mir war mulmig zumute, als wir uns auf den Weg zum Interviewtermin mit dem „Reisenden“ machten. Dieses Pseudonym wählte ich für den Mittzwanziger, der von Islam zum Christentum konvertiert ist. Ich hatte noch nie zuvor mit einer Person gesprochen habe, die ihre Religion gewechselt hat und ich überlegte, wie ich über dieses heikle Thema für arabische Leser:innen berichten sollte. Doch der „Reisende“ machte es mir leicht. Er schaute mich an und das Leuchten seiner Augen erinnerte mich an die Darstellungen von Jesus Christus in historischen Filmen, die ich manchmal im TV gesehen habe.

Der „Reisende“ begann das Gespräch mit dem Satz: „Ich hätte mir nie träumen lassen, den Islam zu verlassen, wäre ich nicht so neugierig gewesen“. Wir suchten uns einen ruhigen Platz in der oberen Etage des Gemeindehauses und er nahm mich mit in seine Vergangenheit in Syrien. Der „Reisende“ verlies seine Heimatsstadt Deir Ez-Zor 2015. Zu dieser Zeit war ein Teil der Stadt unter Kontrolle des Islamischen Staates. Er machte sich auf den Weg. Wie viele Tausende versuchte er es auf dem Seeweg, doch sein erster Anlauf scheiterte. Beim zweiten Versuch schaffte er es nach Kos und von dort weiter mit dem Schiff nach Athen. Ab der griechischen Grenze schloss er sich dem langen Treck von Flüchtlingen an, die quer durch Europa liefen, bis sie acht Tage später in Deutschland eintrafen.

Die ersten Monate verbrachte er in einer Unterkunft in Salzwedel. Von Deutschland sah er in diesen Monaten nur andere Geflüchtete und ab und zu ein Reh, das sich in den Grünstreifen um die Unterkunft verirrte. Die Ortschaft mieden die Neuangekommenen, den es hieß, die Menschen dort seien Rassisten.

Nach sechs Monaten ging es für ihn weiter nach Bremerhaven, weil er dort Verwandte hatte.

 

Grenzerfahrung auch aus Sicht evangelischer Christ:innen

Julia Gerlach

Bremerhaven ist bekannt für die schönen, neuen Museen und die vielen sozialen Probleme. Die Kreuzkirche liegt am Rande der Innenstadt, wo der bürgerliche, touristische Teil in den eher problembeladenen Norden der Stadt übergeht. Kein einfaches Pflaster für eine evangelische Gemeinde. Man erwartet leere Gottesdienste und ungenutzte Gemeindesäle. Doch, weit gefehlt: Schon von Weitem sind Stimmen zu hören, Kinder lachen, Erwachsene plaudern. Im großen Saal der Gemeinde wird Kaffee ausgeschenkt an runden Tischen sitzen Dutzende Menschen im intensiven Gespräch. Gleich am Eingang zwei große Tische mit Menschen aus dem Iran und Afghanistan. Weiter hinten sind Frauen aus der Ukraine in eine Diskussion vertieft.

Zwischen ihnen bewegt sich ein hochgewachsener drahtiger Mann: Götz Weber, der Pfarrer der Gemeinde. Auf den ersten Blick wirkt dies wie ein Willkommenscafé für Geflüchtete, so wie es sie in vielen evangelischen Gemeinden gibt. Schaut man genauer hin, bemerkt man, dass es hier etwas Besonders gibt. Die Menschen fühlen sich offensichtlich nicht als Gäste, sie gehören dazu. „Viele, die zu uns kommen, sind zum Christentum konvertiert“, bestätigt Götz Weber die Beobachtung: „Es hat mit einigen wenigen Iranern und Iranerinnen angefangen.

Sie waren schon Christen, als sie kamen und wir haben sie herzlich willkommen geheißen. Das hat sich rumgesprochen und inzwischen kommen immer mehr“, sagt er. Die evangelische Kirche tue sich wegen der dunklen Geschichte der Mission in der Kolonialzeit zu Recht schwer damit, Muslime und noch dazu Geflüchtete zu missionieren. „Wenn aber Menschen von sich aus das Bedürfnis haben und an unsere Tür klopfen, dann wollen wir sie nicht wegschicken“, sagt er.  

 

Grenzerfahrung aus Sicht des Flüchtlings

„Der Reisende“ ist einer von denen, die an die Tür klopften und nun sitzt er hier mit mir und erzählt. Auch religiös hat er eine Reise zurückgelegt. “Ich habe den Islam praktiziert und war dem Glauben mit Leib und Seele verbunden. Ich habe früh angefangen zu fasten und habe den Koran auswendig gelernt“, beschreibt er. Als er in seiner Anfangszeit in Bremerhaven einen Unfall hatte und an den Augen operiert werden musste, veränderte sich seine Sicht auf den Glauben.

Im Krankenhaus, habe er eine Frau, oder besser gesagt ihre Stimme kennengelernt, die ihm von Jesus erzählte. Sie habe ihn später zur Kreuzkirche geschickt, wo er auf arabisch sprechende Christen traf, die seine Neugier weiter schürten. Allerdings, so erinnert sich der Reisende, war er zu diesem Zeitpunkt nicht überzeugt, sondern hatte viele Fragen an das Christentum. Er lernte einen ägyptischen Theologiestudenten kennen, der ihm nach und nach die Fragen beantworten konnte. Vier Monate dauerte der Weg. Er folgte dem Theologiestudenten zum christlichen Gottesdienst. Viele der Rituale kamen ihm komisch vor, aber er machte mit. Schließlich fasste er den Entschluss, Christ zu werden. Nach zwei Wochen intensiver Vorbereitung wurde er getauft.

Grenzerfahrung der Kirchen

Die Anwesenheit der vielen Konvertit:innen hat die Gemeinde der Kreuzkirche gründlich verändert. Zuvor war es eine typisch deutsche Innenstadtgemeinde; sprich: Es kamen vor allem Ältere Gottesdienst und das Gemeindeleben verlief in eingespielten Bahnen.  Inzwischen sind die Gottesdienste voll und haben auch eine neue Form bekommen: „Die neuen Christen interessieren sich mehr für die Essenz des Glaubens. Sie möchten sich in das Leben Jesu vertiefen und mir als Theologen macht das natürlich viel Spaß“.

So wählt er jetzt andere Texte und auch andere Formen für die Gottesdienste. Die Predigt und Lesungen werden in verschiedene Sprachen übersetzt und die Gemeinde kann sie als Untertitel in den Altarraum projiziert oder auf dem Smartphone mitlesen. Es gibt mehr Zeit für Stille und eigenes Beten und es wird Theater gespielt. „Durch die Ankunft der vielen Geflüchteten in die Gemeinde bleiben einige der alten Mitglieder weg, die gehen jetzt zu einer der anderen Bremerhavener Innenstadtkirchen. Unsere neue internationale Gemeinde lockt aber auch Interessierte deutsche Christen, die Lust haben auf eine offene, internationale und vor allem junge Gemeinde“, sagt er.

 

Grenzerfahrung für den Pastor

Oft steht der Vorwurf im Raum, dass Geflüchtete aus muslimischen Ländern zum Christentum konvertieren, weil sie so ihre Chancen auf Asyl verbessern. Solche Vorwürfe musste auch der Reisende sich anhören und rechtfertigen. „Ich habe hier in der Kirche zwar Hilfe gefunden, um mich im deutschen System zurechtzufinden, aber man kann nicht sagen, dass ich große Vorteile gehabt hätte. Ich habe wie alle einen Sprachkurs gemacht, meine Anhörung für den Aufenthalt gehabt und suche – ebenfalls wie alle – einen Job.

 

Grenzerfahrung der Behörden

Tatsächlich, so Pfarrer Weber, prüften die Richter:innen oft genau, ob die Asylbewerber:innen wirklich überzeugte Christen sind. „Das ist absurd: Da werden Glaubensinhalte abgefragt und Bibelfragen gestellt, die könnten nur wenige gebürtigen Christen beantworten“, so Götz Weber. Ihm kommt als Pfarrer oft die Rolle des Zeugen zu. Eine heikle Rolle: „Ich muss sicher sein, dass die Menschen wirklich überzeugt sind, dafür muss ich sie gut kennen. Dann klappt es auch mit der Anerkennung und das ist wiederum wichtig, dass die Menschen, die zur Gemeinde kommen, sich aufgehoben fühlen“.

Internationale Gemeinden sind ein neues Thema für die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers. Neben der Kreuzkirche in Bremerhaven gibt es auch in Hannover eine internationale oder interkulturelle Gemeinde, wie die Kirchenverwaltung sie nennt. Inzwischen ist die Nachfrage groß und es wird eine spezielle Ausbildung für neue Christen mit ausländischen Wurzeln angeboten, die als Lektor:innen in Gemeinden arbeiten möchten. So versucht sich die evangelische Kirche vorzubereiten auf die neue Zeit, in der sich die Gesellschaft und auch die Gemeinden verändern und internationaler werden.    

 

Grenzerfahrung des Glaubens

Für den Reisenden hat der Schritt, sich taufen zu lassen, sein Leben mindestens so stark verändert, wie die Flucht aus Syrien. Vielleicht war er sogar noch endgültiger. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sich alle und sogar seine Schwester, mit der er sich immer gut verstanden hatte, den Kontakt abbrechen würden. Die einzigen Nachrichten, die er seitdem von ihnen erhielt, zielten darauf ab, ihn zur Rückkehr in den Glauben zu bewegen. Man merkt ihm seine Trauer darüber an. Dennoch bereut er nichts.

Grenzerfahrung des Reisens

„Mir gefällt am protestantischen Christentum, dass ich nicht mit allem einverstanden sein muss, was der Pfarrer sagt. Bin ich anderer Meinung, dann ist das kein Zeichen von Abtrünnigkeit oder Unglauben, sondern eher der Beginn einer Diskussion über Glaubensfragen“, sagt er. Und vermisst er nichts von dem, was er zurückgelassen hat? „Doch ich vermisse die Feiertage mit ihren Ritualen. Ganz besonders den Ramadan würde ich gerne einmal wieder erleben“, sagt der Reisende und blickt nachdenklich aus dem Fenster in den grauen Himmel Bremerhavens. Wer weiß, wo ihn sein Weg als nächstes hinführt.

 

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Amal on Tour ist eine Kooperation zwischen der Redaktion von Amal (www.amalberlin.de/de) und der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Die Artikel, Videos und Interviews, die während der Reise entstanden, wurden für Amal! produziert und erreichen die arabische, afghanische, iranische und ukrainische Community in Deutschland.

Die Beiträge wurden zudem für die Kanäle der Landeskirche übersetzt und über weitere Medien auch einem deutschen Publikum zugänglich gemacht. So werden Akteur*innen und Projekte der Flüchtlingsarbeit von kirchlichen und nicht-kirchlichen Trägern vorgestellt, sichtbar gemacht und ihre Arbeit dadurch gewürdigt. 

Gerne können Sie die folgenden Beiträge über Ihre Kanäle ausspielen. Bitte schreiben Sie im Abspann dazu: Dieser Beitrag entstand im Rahmen von Amal on Tour, einer Kooperation zwischen der Redaktion von Amal und der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

Für Rückfragen wenden Sie sich bitte direkt an die Autor*innen oder schreiben an cornelia.gerlach@amalberlin.de

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