22. Februar 2023

Der Jahrestag-Effekt. Ratschläge einer Psychologin

Man spricht von Jahrestag-Effekt, wenn die Erinnerung an ein Ereignis zu einer Re-Traumatisierung führt. Die Psychologin Svitlana Roiz gibt uns einige Tipps, wie wir uns gegen diesen Effekt schützen können und wie wir durch die schwierigen Tage kommen, ohne zu viel Schaden zu nehmen: Wieder und wieder werden wir in den nächsten Tagen die Bilder sehen und immer wieder werden die Erinnerungen in uns hochkommen.

In solchen Tagen – so warnt die Psychologin – neigen Menschen dazu, drastische Schritte zu unternehmen und gravierende Entscheidungen zu treffen, um ihre Situation zu ändern. Manche kündigen ihren Job, melden sich freiwillig zur Front oder verlassen ihren Partner. Das Risiko ist, dass diese Entscheidungen überstürzt getroffen werden und unter dem Einfluss starker, traumatischer Eindrücke, die Menschen nicht klar die Konsequenzen abwägen können.

Symptome des Jahrestag-Effekts

Folgende Symptome listet die Psychologin auf. Diese weisen auf den Jahrestag-Effekt hin. Wer sie bei sich oder Menschen im Umfeld beobachtet, sollte umsichtig handeln:

  • Weinen und das ständige Gefühl, gleich in Tränen auszubrechen.
  • Schuldgefühle und die ständige Frage danach, wie die Situation hätte verhindert werden können.
  • Ständige Zweifel, ob die getroffenen Entscheidungen die richtigen waren.
  • Plötzlich stark veränderte Interessen und Schwerpunkte
  • Selbsterniedrigung und Selbstverachtung der eigenen Person und der eigenen Rolle.
  • Apathie und der Wunsch, Zeit alleine zu verbringen.
  • Das Gefühl, neben sich zu stehen. Kinoeffekt: Als wäre man Zuschauer:in des eigenen Lebens.
  • Katastrophenvorahnung: Die ständige Befürchtung, dass in den nächsten Tagen wieder etwas Schreckliches passieren wird.
  • Gereiztheit und Schwierigkeit, die eigenen Gefühle zu beherrschen.
  • Oft steigern Menschen sich in bestimmte negative Gedanken hinein.

 

  • „In einem normalen, gesunden Zustand, verarbeiten Menschen vergangene Ereignisse im Laufe eines Jahres. Der innere Erzähler ordnet die Ereignisse in eine Kette ein: Es war – Es ist passiert – Es ist mir passiert – Es ist uns passiert – Sehr viel ist passiert – Sehr viel ist mir widerfahren – Jetzt ist alles anders, aber ich habe es geschafft – Ich kann weiterleben – Ich habe neue Aufgaben – Ich baue an meinem Leben weiter – Ich habe Pläne für die Zukunft“, so beschreibt es Svitlana Roiz auf ihrer Facebook-Seite.

Ereignisse verarbeiten, trauern und weitergehen…

Es sei sehr wichtig, ausreichend über das Verlorene zu trauern und auch der Pläne und Hoffnungen zu gedenken, die nicht in Erfüllung gehen. Das ist wichtig, um zu akzeptieren, das die Dinge nicht mehr so sind, wie sie einmal waren und dass sie nicht mehr so werden. Das sei wichtig, um in der Gegenwart anzukommen. Erst, wenn die Vergangenheit bewältigt und betrauert sei, kann der Blick in die Zukunft gerichtet werden.

Diesen Prozess stören die vielen Rückblicke und Erinnerungsstrecken in Medien und auf Social-Media. Diese Erinnerungen werfen uns an den Anfang des Prozesses zurück. Wenn wir uns nicht dagegen wappnen, kann uns jeder Post zum 14. Februar wieder in unser Trauma zurückkatapultieren; unsere eigenen Erinnerungen, Ängste und Schmerzen werden aufgerissen.  Die Psychologin warnt davor, sich von diesem Gefühl überwältigen zu lassen: „Macht euch immer wieder klar: Jetzt ist 2023. Es ist eine andere Zeit. Ein Jahr ist vergangen. Ich stehe vor anderen Aufgaben und Herausforderungen“.

Die Kunst der Ablenkung

Die Psychologin empfiehlt, sich mit sich selbst abzulenken: „Konzentrieren Sie sich auf ihren Körper, machen Sie etwas Kreatives, etwas, was Ihnen Spaß macht“. Alles, was die Menschen aus der Vergangenheit in die Gegenwart hole, sei gut. Vielen helfe es, sich selbst im Stillen folgende Frage zu beantworten:

Wer sind im Moment die Menschen, die mich unterstützen?

Welche meiner persönlichen Stärken hat mir im vergangenen Jahr am meisten geholfen?

Was habe ich plötzlich und wie durch Zufall hinzubekommen oder – gelernt?

Was habe ich dises Jahr besonders gut hinbekommen?

Auf welche Fähigkeiten kann ich mich besonders verlassen?

Wem bin ich dankbar?

Akute Hilfe zur Selbsthilfe

Sehr hilfreich können auch Pläne für die nächsten Tage sein: Wen könnte ich besuchen? Mit wem möchte ich mich verabreden? Vielleicht ein verfrorenes Picknick im Park oder rein luxuriöses Badesalz besorgen und die Wanne volllaufen lassen? Und: Bitte keine Schuldgefühle. Das ist der dringende Appell der Psychologin: „Auch in diesen schweren Tagen, dürfen wir es uns gut gehen lassen und Spaß haben. Es ist nicht nur erlaubt, sondern absolut notwendig. Es ist wichtig, dass wir auf uns und unsere Liebsten achten.“

Die Psychologin hat sich selbst einen Satz zurechtgelegt: „Ich habe mich für das Leben entschieden“. Sie murmelt ihn in kritischen Momenten. Für andere mag es statt der Worte ein Gefühl, ein Geruch oder ein Geräusch sein, das für sie Lebendigkeit und Hoffnung bedeutet. Es sei gut, ein persönliches Mantra zu haben.

Achtet besonders auf die Kinder

Als ausgebildete Kinderpsychologin legt Svitanan Roiz besonderen Wert darauf, dass die Menschen auch an die Kinder in ihrer Umgebung denken. Vielleicht verstehen sie nicht das ganze Ausmaß der Katastrophe und was diese mit Eltern und Erziehern macht, doch sie können gut spüren, dass etwas nicht stimmt.  „Auch wenn sie die Daten nicht kennen, können sich viele Kinder doch an Ereignisse und die damit verbundenen Gefühle erinnern“, schreibt sie. Hier könne nur das Gespräch helfen. Wenn Kinder bereit seien, sich zu öffnen und von ihren Erinnerungen zu erzählen, sei es wichtig, ihnen Raum zu geben und zuzuhören. So lässt sich erfahren, welches die subjektive Wahrnehmung der Geschichte für sie ist.

„Sie können Ihre Erinnerungen hinzufügen, aber bitte ohne die Gefühle. Bitte bewerten Sie nicht und machen sie die Gefühle der Kinder nicht klein. Vielmehr sollten Sie die Kinder ermuntern. Sätze wie: Kannst Du dich noch erinnern, was Du gemacht hast, wie du geholfen hast etc? können helfen“, so die Psychologin. Es sei wichtig, die Handlungen des Kindes in den Fokus zu nehmen. Handlung sei das Gegenteil von Trauma. Trauma bedeutet Lähmung, Hilflosigkeit.

Auch für die Kinder ist es wichtig, in der Gegenwart zu leben. Wir haben das Jahr 2023. Am Ende eines solchen Gesprächs sollte eine Aktion stehen oder vielleicht ein Traum: Was werden wir tun, wenn wir endlich das Wort Sieg aussprechen können? Und dann wechseln sie das Thema: „Was sollen wir als nächstes machen? Vielleicht malen?“. Schließlich geht das Leben weiter.