16. September 2021

Gedanken aus dem Exil

Massum Faryar ist afghanischer Schriftsteller und lebt seit 1982 in Deutschland. In seime Roman »Buskaschi oder Der Teppich meiner Mutter« lädt er ein, in die Geschichte des Landes am Hindukusch einzutauchen. Wir haben ihn gefragt, wie er die aktuelle Situation in seinem Heimatland erlebt.

 

Herr Fayar, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es nirgendwo so viele friedliche Leute gibt, die nichts von Krieg hören wollen, wie in Afghanistan. Gilt das nach Ihrer Meinung auch jetzt nach der Machtübernahme durch die Taliban?

Daran, dass die absolute Mehrheit der Menschen in Afghanistan von ihrer Natur und ihrer Mentalität aus friedlich sind und sich nach Sicherheit und Frieden sehnen, hat sich in all den vierzig Jahren des Krieges nichts geändert. Sie wurden aber immer wieder herausgefordert, sich gegen die bösen Mächte von Innen und Außen zu verteidigen. Und wie nie zuvor gerade jetzt! Es klingt paradox, aber: Wenn Afghanistan vor einer grausamen, düsteren Zukunft eine Rettung hat, dann besteht sie darin, dass der bewaffnete Widerstand im Norden an Stärke gewinnt. Anderes ausgedrückt: Das Land und sein Volk stehen vor zwei vollkommen gegensätzlichen Alternativen: entweder müssen sie den Scheinfrieden eines Taliban-Regimes hinnehmen, der letztendlich Versenkung des Landes ins Mittelalter und seine Kolonialisierung durch das Feindland Pakistans bedeutet, oder sie entscheiden sich für einen neuen Kampf …

Sie leben seit 1982 in Deutschland und haben die Umbrüche in Afghanistan aus dem Exil verfolgt. Was bedeutet die neueste Entwicklung für Sie persönlich? Was hat sich in den vergangenen Wochen für Sie verändert?

Lassen Sie mich bitte kurz fassen: Ich habe das Gefühl, dass die reale Welt sich vollends aufgelöst und einem nie da gewesenen, nicht endenden unfassbaren Grauen Platz gemacht hat, in das ich jeden Morgen nach einem 3- oder 4-stündigen Alptraum aufwache. Nach dem August vom 2021 ist die Welt für mich nicht mehr dieselbe; es ist nicht nur so, dass meine Seele eine fast unheilbare Erschütterung erfahren hat, sondern auch mein Wertesystem, zum Beispiel die Kategorien „Gut“ und „Böse“, und meine politischen, moralischen Überzeugungen…

Massum Fayar ist am Freitag, 17. September um 19 Uhr zu Gast in der Veranstaltung „Afghanistan – Gedanken aus dem Exil“ , die von der Stiftung Exilmuseum Berlin zusammen mit der Körber-Stiftung organisiert wird. Er diskutiert dort mit der Designerin und Frauenrechtlerin Laila Noor und der Journalistin Nadine Kreuzahler über die aktuelle Lage im Land. Die Veranstaltung findet in Berlin in der Freiluftausstellung ZU/FLUCHT, Askanischer Platz 11, 10963 Berlin ( hinter der Portalruine des Anhalter Bahnhofs) statt. Eintritt ist frei; Anmeldung ist erforderlich über info@exilmuseum.berlin

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