Bild: Michael Kappeler/dpa
6. Juni 2024

Unser Meinung zur neuen Abschiebedebatte

Wollen Sie wissen, was wir von der neuen Abschiebedebatte nach Afghanistan halten?

Wenn Sie jetzt die naheliegendste Antwort („Die Abschiebedebatte ist schrecklicher Quatsch“, „gefährliche Stimmungsmache“ oder ähnliches) erwarten, haben sie sich getäuscht. So einfach ist das (leider/zum Glück) nicht. Erstens gibt es bei Amal wie üblich nicht eine sondern viele Meinungen und außerdem würden auch wir gerne ein bisschen differenzierter auf die Debatte schauen.

Das Attentat von Mannheim und der Tod des Polizisten ist auch bei Amal ein großes Thema.  Es mischen sich Bestürzung und Mitgefühl angesichts der Gewalt mit Besorgnis über die Motive des afghanischen Attentäters und die wieder zunehmende Radikalisierung unter jungen Muslim:innen. In der afghanischen Community in Deutschland wird heftig darüber diskutiert, wie es dazu kommen konnte.

Viele beobachten seit Monaten mit großer Sorge, dass die radikalen Gedanken der Taliban auch hier in Deutschland immer mehr Anhänger finden. Schuld daran seien Vertreter der Taliban, die in den afghanischen Communities in Deutschland Stimmung machen. Schuld daran sind auch Social Media Inhalte, die von radikalen Gruppen geteilt werden. Die Botschaft: Das Afghanistan unter den Taliban ist gar nicht so schlimm, wie westliche Regierungen und aus Afghanistan geflohene Menschenrechtsaktivist:innen behaupten. Zwar werde die Hälfte der Bevölkerung zu Hause eingesperrt, aber dafür seien Korruption und Drogenhandel zurückgedrängt. Die Botschaft verfängt auch deswegen unter Afghan:innen in Deutschland, weil sie kombiniert wird mit einem Hinweis darauf, dass in Deutschland ja auch nicht alles so toll ist, wie es erscheint. Viele Afghan:innen in Deutschland fühlen sich ausgegrenzt und diskriminiert. Sie finden in Deutschland nicht die Chancen, die sie sich erhofft haben und die Enttäuschung ist ein Faktor, wieso die Propaganda der Islamisten wirkt. Sie wirkt nicht bei allen, auch nicht bei der Mehrheit, aber leider bei einigen.

 

Neue Abschiebedebatte

Genau in diese Kerbe schlägt nun seit gestern eine neue Abschiebedebatte. Es ist eine Debatte, von der alle wissen, dass sie eine Scheindebatte ist. Sie dient dazu, im Wahlkampf Stimmung zu machen. Es gibt Gründe, weshalb bereits vor der Machtübernahme durch die Taliban nur wenige Personen nach Afghanistan abgeschoben wurden und es ist auch ganz klar, dass Abschiebungen zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich sind. Nicht zuletzt, weil dazu Bundesbehörden mit Behörden der Taliban verhandeln müssten, zu denen sie aus menschenrechtsgründen keinen Kontakt haben.

Nilab Langer aus unserer Redaktion in Hamburg geht in ihrer Analyse noch einen Schritt weiter: Aus ihrer Sicht ist das Attentat von Mannheim tatsächlich ein Warnsignal, das alle Alarmglocken der Gesellschaft und der Sicherheitsbehörden in Deutschland erschrillen lassen sollten. Endlich müssten die Ursachen für die Radikalisierung angegangen werden. Afghanische Islamisten müssten in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und deren Propaganda bekämpft werden. Zugleich gelte es, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern, dass die Propaganda nichtmehr auf fruchtbaren Nährboden fällt. Hierzu sei die Gesamtgesellschaft gefragt und natürlich auch die afghanische Community.

Der Kommentar zur Abschiebedebatte steht ab morgen auf unserer Webseite. Wenn Sie ihn auch für Ihr Medium haben möchten, melden Sie sich bitte. Dann schicken wir Ihnen gerne eine Übersetzung.

 

Unsere Lieblingsstories

 

Wovor fürchten sich afghanische, iranische und arabische Familien in Deutschland am meisten? Das können wir natürlich nicht pauschal beantworten, aber klar ist: Das Jugendamt steht ziemlich weit oben auf der Horrorlisten unserer Leser:innen. Die Vorstellung, dass Kinder vom Jugendamt aus der Failie genommen werden könnten, raubt vielen den Schlaf. Da war es klar, dass wir sofort reagiert haben, als wir die Email des Vereins Opfer- und Täterhilfe e.V. bekamen. Souzan Nasri und Ronnie Darwish fuhren nach Mainz zum Interview. Die Idee dort ist, dass viele Probleme rund um Kindeswohl, Gewalt in der Familie und Erziehung gut von einer Familienkonferenz geklärt werden können. Voraussetzung ist natürlich, dass nicht nur Opfer und Täter eingeladen sind, sondern auch ihr soziales Umfeld und dass alle bereit sind, nach konstruktiven Lösungen zu suchen.

Hier geht es zum Video.

 

 

Syrische Ärzte united

 

Was wäre das deutsche Gesundheitssystem ohne Ärzte aus Syrien? Die Statistik zeigt, dass viele der um 2025 nach Deutschland gekommenen inzwischen Stellen gefunden haben. Dennoch gibt es weiterhin Probleme mit der Bürokratie und manchmal macht ihnen auch Rassismus zu schaffen. Gemeinsam wollen sie dem etwas entgegensetzen. In Berlin versammelte sich vergangene Woche der Verband der Syrischen Ärzte und Apotheker. Anas Khabir war für Amal dabei.

 

„Ich will, dass meine Tochter mit ihrer Oma sprechen kann!“

 

Wie bringe ich meinen Kindern Arabisch bei? Was muss ich tun, dass sie ihre Verwandten in Syrien verstehen? Mit diesen Fragen schleppen sich viele syrische Eltern in Deutschland herum und ganz besonders betroffen sind binationale Familien. Das Problem liegt oft nicht (mehr) daran, dass es zu wenig Arabischkurse für Kinder und Jugendliche gibt. Das Problem ist in der Regel eher die Motivation: Wie können sich Kinder für die Sprache ihrer Familie begeistern? Weshalb sollten sie sich mit den kulturellen Eigenheiten der Herkunftsfamilien beschäftigen? In Berlin gibt es jetzt eine Antwort auf diese Fragen: Sie heißt Samira al-Harak. Die pensionierte Schulleiterin aus Syrien hat in Berlin noch einmal von vorne angefangen. Ihr Rezept: Sie mixt Kultur und Sprache mit Humor und viel Liebe. Das kommt bei den Kindern gut an. Amloud Alamir hat sie porträtiert.

 

Geht wählen, Leute!

Viele in der afghanischen Community sind noch unentschlossen, was die Wahl zum EU-Parlament angeht. Dawod Adil hat deswegen einige bekannte und weniger bekannte Vertreter:innen in unser Studio gebeten und sie nach ihrer Meinung gefragt. Ihr Apell ist eindeutig: Wählen ist auf jeden Fall besser als nicht mitzumachen.