16. Mai 2024

EU-Wahlen. Wir müssen etwas tun!

Viele der 2015/16 nach Deutschland geflohenen Syrer:innen und viele Afghan:innen haben inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Wahl zum EU-Parlament Anfang Juni ist für sie die erste Gelegenheit, wählen zu gehen. Auch unter den 16+ Jungwähler:innen sind viele mit Fluchtgeschichte.

Wie aufregend! Endlich mitreden!

Unser Reporter Anas Khabir hat sich in der Sonnenallee in Berlin umgehört und er hat anschließend ein Video produziert, das auf den ersten Blick großen Unterhaltungswert hat. Die Menschen, die auf seine Frage nach ihrer Wahlabsicht geantwortet haben, tun dies mit Humor und einem freundlichen Augenzwinkern. Hier geht es zum Video. Wir hatten es ursprünglich mit deutschen Untertiteln produziert. Nach einigen Stunden online, mussten wir es löschen. Es drohte in die falsche Richtung loszugehen.

Warum?

Die Befragten sagen fast alle, dass sie sich nicht für die Wahlen interessieren. Sie hätten zwar die Staatsbürgerschaft und freuten sich auch, dass sie damit wahlberechtigt sind. Sie hätten aber nicht die Absicht, sich an der Wahl zum EU-Parlament zu beteiligen. Weil: 1. Sie schon in Syrien Politik immer gehasst hätten. 2. Es keinen Sinn machen, weil alle Parteien gegen Araber:innen eingestellt seien. 3. Sie nicht wüssten, wen sie wählen sollen.

Video von Anas Khabir
Uns haben die Aussagen einen kräftigen Schreck versetzt. Wenn so viele Menschen es als sinnlos empfinden, zur Wahl zu gehen. Was macht dann Sinn? Was ist da schief gelaufen?

Klar ist auch: Dies Video auf Arabisch hat eine ganz andere Aussage als das Video mit deutschen Untertiteln.  Auf Arabisch ist es vielleicht ein Weckruf an die Community. Vielleicht schließen sich daraufhin mehr Menschen der Position des einen Mannes in der Mitte des Videos (siehe Foto)  an. Er sagt, dass es wichtig ist, dass sich die syrische Community an den Wahlen beteiligt und der Position der Neuangekommenen aus arabischen Ländern Gewicht verleiht.

Mit deutschen Untertiteln ist das Video ein gefundenes Fressen für rechte Propaganda und allzu leicht kann es auf Social Media ein Eigenleben entwickeln. Das wollen wir verhindern. Schließlich geht es uns darum, auf eine Problemlage aufmerksam zu machen, nicht die Probleme zu vergrößern.

Wichtig ist die Frage: Was können wir tun? Die naheliegendste Antwort: Wir versuchen. durch guten Journalismus Menschen zu erreichen, so dass sie sich eine Meinung bilden können. Wir hoffen, dass sie dann vielleicht doch zur Wahl gehen.

Was wir brauchen? Wir brauchen uns!

So hat Amloud Alamir eine interessante junge Frau interviewt. Sarah Hegazy ist frischgewählte Co-Vorsitzende der Jusos in Mitte. Im Interview erzählt sie, warum sie trotz allem Politik macht. Sie erklärt auch, dass es Sinn macht, wählen zu gehen und sich zu engagieren. Gerade junge Menschen mit Migrationshintergrund würden dringend gebraucht. Hier geht es zum Interview. Sarah Hegazy stellt sich am Anfang auf Arabisch vor und wechselt dann ins Deutsche.

Video von Amloud Alamir

Liebeserklärung an die Integrationskurse in Deutschland

In diesem Newsletter schreiben wir viel zu oft über negative Aspekte der deutschen Integrationspolitik: Probleme bei der Unterbringung von Neuangekommenen, Rassismus in der Schule und natürlich immer wieder das Thema Bezahlkarte. Kritik an dem Konzept der Integrationskurse gehört auch zu den regelmäßigen Themen. (Es gibt zu wenige, gerade im ländlichen Raum. Neuangekommene müssen zu lange darauf warten oder haben das Gefühl, dass sie einer Art Brainwashing unterzogen werden…um nur einige Beispiele für Kritik zu nennen).

Dabei sind die Integrationskurse, die alle Neuangekommenen mit Bleibeperspektive durchlaufen, eine Erfolgsgeschichte. Dies ist wurde nun auch noch einmal von einer Expertin bestätigt. Anastasia Leukhina, Dozentin von der Kyjiw School of Economics und Fachfrau für pädagogische Konzepte in der Erwachsenenbildung hat die Kurse eingehend untersucht. Man könnte sagen: Es war eine teilnehmende Beobachtung. Hier geht es zu ihrem Text mit dem schönen Titel:

Ich frage mich immer noch, wie sie es geschafft haben, mich zu beeindrucken und zu überzeugen (auf Ukrainisch).

Wir wünschen Ihnen eine schöne Woche!

Viele Grüße vom Amal-Team
Foto: Anastasia Leukhina, Anas Khabir, Amloud Alamir