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29. November 2023

Fährfahrt mit Flashback

Es ist Anfang November 2023.Meine kleine Familie und ich sind auf dem Weg nach London. Wir wollen Freunde und Verwandte besuchen. Wir haben uns für die Überfahrt mit der Fähre entschieden: Wir haben eine siebenstündige Reise mit der Kanalfähre gebucht: Von Hoek van Holland  nach Harwich.Voller Besorgnis betreten wir das Riesenschiff, das neben Hunderten von Passagieren auch kleine und große Autos transportiert. Es ist ein windiger Tag. Die Fähre ächzt und vibriert schon am Kai im Hafen.Im neunten Stock des dreizehnstöckigen Schiffs stehen Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten zur Verfügung. Nachdem wir aus dem Auto ausgestiegen sind, gehen wir sofort in den neunten Stock und suchen uns eine ruhige Ecke in der Nähe des Kinderspielzimmers aus. Hier richten wir uns ein. Komme, was da wolle.

Die bittere Erfahrung der Einwanderung nach Europa

2015 bin ich zum ersten Mal zur See gefahren gefahren. Es war allerdings ein ganz anderes Boot, was uns damals über das Mittelmeer nach Griechenland brachte. Wir haben – das ist das Wichtigste – die Reise heil überstanden. Doch ab und zu holen mich die grausigen Erinnerungen ein. Als jetzt die Fähre in der Hafenausfahrt beginnt zu schaukeln, sind die Erinnerungen wieder da: Die achtzig Menschen auf der Flucht aus verschiedenen Ländern mit uns in dem kleinen Plastikboot. Die Wellen und mein schreiendes Baby, das sich mit aller Kraft gegen die Schwimmweste wehrt. Mein Mann, der versucht, das Wasser aus dem Boot zu schaufeln. Die Ereignisse dieses turbulenten und tödlichen Weges haben meine Seele und meinen Geist für immer verletzt.

Hier sitze ich nun in völliger Sicherheit und im neunten Stock eines riesigen Schiffes mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten zum Entspannen und Genießen. Doch die Bewegungen des Schiffes und das Heulen des Sturms entführt mich in die bitteren Abenteuer von vor acht Jahren.

Mein Sohn ist inzwischen groß und vernünftig. Auch ihn plagten lange die Erinnerungen an die Gefahr. Sogar als Baby muss mein Sohn die Gefahr gespürt haben, als wir da mitten im Mittelmeer auf einem Schlauchboot trieben. Danach schrie er nächtelang und kein Arzt konnte seine Unruhe heilen.

Die Unruhe des Meeres und die Invasion jahrelanger Albträume

Je mehr wir das offene Meer des Ärmelkanals erreichen, desto stärker wird der Sturm. Die Fähre rollt in den Wogen. Meine Sorge ist, dass das Schiff mitten im Meer kentert. Diese Angst hatte ich auch damals vor Griechenland. Seitdem kann ich kein Meer mehr sehen, ohne dass ich ans Kentern denke.

Ich versuche mich zu amüsieren, mich abzulenken, aber all die Unterhaltung auf diesem großen und luxuriösen Schiff scheint mir so sinnlos. Unvorsichtiger Weise schaue ich aus dem großen Fenster. Sehe den Bug des Schiffes durch die Wogen brechen. Das Anschauen dieser Szene macht mir mehr Sorgen als zuvor.

Ich versuche es mit Lachen. Ich versuche, über mich selber und meine Angst zu lachen. Aber es hilft nichts. Die Angst hat mich erfasst. Die bitteren Erinnerungen an die Vergangenheit sind so stark und unerschütterlich, dass sie es mir nicht erlauben, über die Sicherheit und Geborgenheit nachzudenken, die auf diesem Schiff herrscht. Ich versuche, meinen Mann und vor allem die Kinder zu verschonen und informiere sie nicht über das, was mit mir gerade passiert. Ich sehe meinem Mann an, dass er es trotzdem versteht. Er weiß von meiner Angst.

Mein Sohn hingegen ist aufgeregt und fasziniert von den unendlichen Möglichkeiten des Schiffes. Er überredet mich, das Schiff zu erkunden und sich das Unterhaltungsangebot anzusehen. Er nimmt meine Hand, und gemeinsam gehen wir in eine große Halle zu den Shops und Spielautomaten.

Ich versuche, die Angst wegzulachen

Nachdem wir im Schiff herumgelaufen sind, erreichen wir schließlich einen Raum mit Spielmöglichkeiten für Kinder. Mein Sohn kann sich gar nicht entscheiden, was er zuerst probieren soll. Als wir plötzlich ein lautes, grauenvolles Geräusch und ein heftiges Zittern im Inneren des Schiffes vernehmen. Wir laufen aus dem Raum und stellen fest, dass auch andere besorgt sind. Verwirrt und gehetzt schauen sie sich um.

Wir rennen zurück in die große Halle des Schiffes, wo mein Mann sich mit unserer kleinen Tochter einen Platz gesucht hat. Er beschäftigt sie, damit wir als Mutter und Sohn einen Moment zu zweit verbringen können. Diese Erschütterungen jedoch waren so heftig, dass ich zu ihm laufe. Womöglich – so schießt es mir durch den Kopf – wird uns in wenigen Augenblicken das Schicksal der Titanic-Passagiere bevorstehen. Ich schaue mich um. Auch in den Mienen der anderen Passagiere sehe ich Angst.

Ich kann meine Sorge nicht länger verbergen und laufe durch die große Halle des Schiffes. Ich bin auf der Suche nach einer Person, mit der ich kurz über die Situation sprechen kann. Ich schaue mich um. Auf der Suche nach einer vertrauenswürdigen Person, damit vielleicht ein wenig von meinem Kummer gelindert wird.

Ich schaue überall hin und sehe kein offenes, klares Gesicht. Die Blicke aller Passagiere kommen mir seltsam und nervig vor. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu besorgt bin.

Nun sind wir seit zweieinhalb Stunden unterwegs. Wir befinden uns mitten im Meer; hohe Wellen. Das Schiff zittert und kämpft gegen den Seegang. ich suche immer noch nach einer Person, die mir ein paar Informationen geben kann. Was passiert hier gerade?

Auf der Suche nach einem Beruhigungsmittel?

Da fällt mein Blick auf einen jungen, hochgewachsenen Mann in Uniform. Den Streifen nach, ist er der erste Offizier. Vielleicht hat er bis hierher die Fähre gesteuert und hat nun Pause und kommt, um sich ein Abendessen im Restaurant zu holen.

Das ist der Mann, den ich gesucht habe! Das ist meine Chance! Vielleicht kann er alle Fragen beantworten, die mich beschäftigen. Ich warte, bis er bestellt hat und spreche ihn dann an.

Der junge Offizier hört mir zu, als ich ihm meine Sorgen schildere. Er lächelt verständnisvoll und sagt dann mit klarer Stimme: „Der Grund für die starken Erschütterungen und das Schaukeln des Schiffes ist das schlechte Wetter. Wir haben Sturm. Aber alles ist normal und wir werden unser Bestes tun, damit die Passagiere sicher ihr Ziel erreichen.“

Die Worte des Kapitäns beenden meine Angst schlagartig. Seine Worte sind wie ein Beruhigungsmittel. Wie schön, wenn es so etwas auch in Pillenform gäben. Hätte ich nur immer so etwas dabei, denn man weiß nie, wann die Panikattacken kommen und im Grunde genommen, sind Seereisen ja gar nicht so schlimm.