Privat
25. Oktober 2023

Wer bin ich?

Wer bin ich? Mein Leben scheint ein Muster zu haben: Alle 4-5 Jahre erlebe ich eine neue Phase: Neue Arbeit, neue Menschen, neue Umstände. Diesmal ist es ein neues Land. Einerseits bin ich es sehr leid, seit zwei Jahrzehnten immer wieder neu anzufangen. Ich trete neuen Teams bei, gründe neue Unternehmen, übernehme unbekannte Aufgaben und das, nachdem ich in meinem vorherigen Job erfolgreich war. So kam es, dass auch persönliche Dramen, Scheidungen und Trennungen parallel und zyklisch verliefen. Das heißt, alle 4-5 Jahre wird es für mich stressig und schwierig. Andererseits habe ich die schwierigen Entscheidungen, die ich getroffen habe, die entscheidenden Brüche und die abgebrochenen Brücken nie bereut. Die Brüche und Neuanfänge haben das Leben bereichert und mich in Form gehalten. Letztlich war die Frage: “Wer bin ich?” nicht so entscheidend.

 

Wer bin ich?

Letzte Woche schrieb ich einen Artikel mit mehreren Protagonisten. Später empfahl mir ein Kollege, ihre Berufe anzugeben. Das verwunderte mich, denn in der Geschichte ging es nicht um Qualifikationen, sondern darum, warum diese Menschen sich an einem Wohltätigkeitsmarathon beteiligten. Ich zweifelte an der Kritik des Kollegen und ließ nur ihre Namen stehen. Denn im Kontext des Marathons ist weder ihr Beruf noch ihr Familienstand entscheidend für das Ereignis und die Geschichte.

Ich erinnere mich, dass ich vor etwa acht Jahren plötzlich meinen Job verlor und eine sehr schwierige Zeit damit hatte. Mein Freund, der damals zu einer echten Stütze wurde, unterhielt mich, indem er mich zu sozialen Events und Empfängen mitnahm und mich natürlich als “Fernsehmoderator” vorstellte. Als wäre nichts gewesen.  Natürlich machte das die Menschen neugierig: “Welche Sendung moderieren Sie? Auf welchem Sender? Wo kann ich sie sehen?” Als ich in der vergangenheitsform von meiner Arbeit sprach, hörte ich auf für sie zu existieren. Denn was ist schon eine Moderatorin ohne Sendung?

 

Bin ich nur ich, weil ich einen Job habe?

Für mich hat die Arbeit immer an erster Stelle gestanden. Ich = Arbeit. Und dann alles andere. Ich habe alle meine Freunde bei der Arbeit gefunden – sie war mein Hobby und meine Freizeit. Selbst als bei privaten Einladungen, einer Geburtstagsfeier zum Beispiel, immer drehten sich meine Gedanken ständig um die Arbeit. Das macht mir diese Brüche so schwer. Mich selbst außerhalb der Arbeit zu finden, erwies sich als schwieriger Prozess. Beim letzten Mal, vor 8 Jahren war dieser Prozess sehr schnell abgeschlossen: Ich wurde einfach Produzentin.

 

Wer bin ich ohne Land und Sprache?

Viel schwieriger war es im letzten Jahr, als ich Nataliia Yakymovych in einer fremden Stadt und ohne Sprachkenntnisse wiederfinden musste. Irgendwann wurde mir klar, dass es besser war, überhaupt nicht über meine früheren Berufserfahrungen zu sprechen. Es klang zu absurd. Ich arbeitete zunächst als Assistentin im Berliner Büro einer amerikanischen Firma, kaufte Kaffee und Schreibwaren für sie. Zunächst erzählte ich meinen Kollegen noch beim Mittagessen, dass ich eigentlich Produzentin sei und mein Film bald auf Netflix erscheinen würde. Dass ich hier nur vorübergehend  jobbe und helfe, das neue Büro einzurichten. Ich glaube, viele von ihnen halten mich immer noch für eine geschickte Lügnerin, wenn nicht gar für verrückt. Eine Kollegin überprüfte sorgfältig die Echtheit der Links auf meiner Wikipedia-Seite, die ich in meinem Lebenslauf angegeben hatte.

 

So wie viele Ukrainerinnen

Heutzutage machen viele Ukrainer:innen diese Erfahrung der Reinkarnation, des Wechsels des Arbeitsplatzes, des Status. Oft finden sie sich in einer niedrigeren sozialen Rolle wieder. Geschäftsinhaber arbeiten jetzt als Manager und Verkäufer. Lehrer und Professoren haben eine Stelle als Sprachlehrer angenommen. Fachkräfte großer Unternehmen leben von der Sozialhilfe, weil sie ihre Kinder wegen des Krieges ins Ausland gebracht haben. Dies gilt auch für Binnenmigranten in der Ukraine. Einige haben die Stadt verlassen und auf dem Land Zuflucht gefunden, während andere im Gewimmel der Fremden auf den Straßen der Hauptstadt gestresst sind, nachdem sie ihr Heim und ihren Garten im Osten verloren haben. Hunderttausende haben ihre Arbeitsplätze verloren. Das ist der Hintergrundsound, vor dem sich drohend die Frage stellt: “Wer bin ich jetzt?” Sie surrt wie eine lästige Fliege, die keine Ruhe gibt. Bin ich ein Flüchtling? Ein:e Einwanderer:in? Ein:e Asylsuchende:r? Ein Kriegsflüchtling? Bin ich nur noch Mutter oder Vater oder nur noch Pflegerin eines kranken Angehörigen? Eine Frau, die auf die Rückkehr ihres Mannes aus der Gefangenschaft wartet? Ein Mann, der nach seiner vermissten Frau sucht? Keine dieser Definitionen ist angenehm. Und vor allem definiert sie nichts anderes als das Verständnis für die Notlage der Person.

 

Gibt es einen Ausweg?

Wir selber, die wir diese Situation am eigenen Leib erleben, sollten deswegen anders reagieren, wenn wir neue Menschen treffen oder alten Bekannten widerbegegnen. Wir müssen lernen, Menschen unabhängig von ihrem Beruf, ihrer Beschäftigung oder ihrem Familienstand zu sehen. Weiter, tiefer, persönlicher. Es wäre schön, ein aufrichtiges Kompliment zu machen. Vielleicht mit einer Geschichte. Wir alle brauchen Unterstützung.

Aber die Hauptsache ist, dass wir diese Haltung zu aller erst für uns selbst einnehmen. Akzeptieren Sie die schwierigen Umstände und spüren Sie, dass diese Sie als Person nicht definieren. Denn jeder von uns ist eine ganze Welt. Und es spielt keine Rolle, wie man uns heute nennt.

Lesen Sie auch die anderen Kolumnen der Autorin über die Bedeutung der ukrainischen Sprache und darüber, wie man alleine eine Mahnwache in Berlin abhält