Nilab Langar

Sogar das Hochzeitskleid ist schon fertig

Wer jetzt heiraten möchte, hat es schwer: Seit Beginn der Corona-Krise ist die Zahl der Eheschließungen stark zurückgegangen, in Hamburg haben sich bis Mitte Oktober nur 4054 Paare trauen lassen, das sind 730 weniger als im Vorjahr. Viele Paare ziehen erstmal ohne Trauschein zusammen. Anderen lässt ihre Tradition keine Wahl, sie müssen mit dem Start ins Familienleben warten. Zwei junge Afghanen aus Hamburg erzählen.

Farwa Morwat und Sayed Zekrullah Morvat wollen heiraten. „Sogar mein Hochzeitskleid ist fertig“, sagt Farwa. Sie haben einen Saal gebucht und Gäste, die aus dem Ausland anreisen, schon eingeladen. Kurz vor Silvester soll die Feier stattfinden. Farwa schaut betrübt, wenn sie davon erzählt. Sie sagt: „Alles ist bereit, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Party stattfinden wird“. Viel deutet darauf hin, dass Corona den beiden einen Strich durch die Rechnung machen wird.

Farwa Morwat (19) und Sayed Zekrullah Morvat (25) sind aus Afghanistan. Sie kennen sich seit ihrer Kindheit. Seit drei Jahren sind sie verlobt. Für sie ist eine Hochzeitsfeier unverzichtbar, denn in ihrer Kultur ist es nicht akzeptabel, dass die Paare ohne offizielle Feier unter einem Dach leben.

Heirat und Familienbildung sind eine große Entscheidung und eine sensible Phase im Leben jedes Menschen. In afghanischen Familien verlangt die Tradition, dass die Hochzeit richtig groß gefeiert wird, mit hundert Gästen oder auch mehr. Mit bangem Herzen verfolgen Farwa und Sayed Zekrullah jetzt die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut verkündet, und die immer neuen Corona-Regeln von Senat. Doch es sieht so aus, als würde der Traum in eine Sackgasse führen.

Vor etwa fünf Jahren wanderte Farwa mit ihrer Familie nach Deutschland ein. Ein Jahr später kam Zekrullah alleine nach Hamburg. Ein paar Monate später fand die offizielle Verlobung statt. Seither kämpfen die beiden darum, zusammen leben zu können.

Anfangs war Zekrullah in Hamburg sehr einsam. „Ich habe mein Leben in der Heimat mit meiner Familie vermisst”, sagt er. Als alleinstehender Mann war er in einem Flüchtlingswohnheim untergebracht. „Das war nicht angenehm”, sagt er und fügt hinzu: „Als Farwa in mein Leben trat, wurde alles besser. Das nächtlichen Heimweh und die kindische Kümmernis waren schlagartig verschwunden.“

Voller Hoffnungen und Träume fing Zekrullah an, die Zukunft zu gestalten. „Ich habe mich wie ein Erwachsener gefühlt und mir Mühe gegeben, ein Leben für uns beide aufzubauen.“ Wie viele Neuankömmlinge träumte er davon, ein eigenes Zuhause zu finden. In einer Großstadt wie Hamburg ist das schwierig. Vermieter wollen eine gültige Aufenthaltserlaubnis und einen Arbeitsvertrag, die deutsche Staatsbürgerschaft ist von Vorteil.

Schritt für Schritt machte sich Zekrullah daran, die Probleme zu lösen. „Ich habe eine Ausbildung angefangen”, erzählt er. Damit verbesserte sich sein Aufenthaltsstatus. Trotzdem dauerte die Suche drei Jahre. „Jedes Mal gab es einen Vorwand, warum wir dann doch eine Absage bekamen.“ Aber er wusste Farwa an seiner Seite, das machte ihn stark.

Vor einem Monat hatten die beiden endlich Glück. Kaum hatten sie den Mietvertrag unterschreiben, begannen sie, Möbel auszusuchen und die Räume einzurichten. „Wir waren voll in Schwung, ohne uns müde zu fühlen.“ Sie legten den Termin für ihre Hochzeit fest und informierten die Gäste. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würden ihre Träume wahr. Doch dann nahm das Corona-Virus wieder an Fahrt auf. Die Welt mit all ihrer Größe und Macht scheint von diesem Virum so erschüttert, dass man jeden Augenblick darauf gefasst sein muss, das eigene Leben und die gemeinsamen Pläne zu ändern. Noch hoffen sie Farwa und Zekrullah, dass ein Wunder geschieht und dies neue Kapitel in ihrem Leben endlich anfangen kann – wie so viele junge Paare in dieser Stadt.

Nilab Langar ist Redakteurin bei Amal, Hamburg! Der Text entstand als Kooperation zwischen Amal, Hamburg!, der Körber-Stiftung und dem Hamburger Abendblatt. Amal, Hamburg! ist ein Projekt der Evangelischen Journalistenschule und der Körber-Stiftung, unterstützt vom Hamburger Abendblatt und der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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