20/07/2020

Therapieangebot für Medien mit Schieflage

Mitten im Sommerloch haben wir die Ehre, den bekannten afghanischen Musiker Shakib Mosadegh als Gast im Amal Salon zu begrüßen. Nilab Langar wird den Sänger, der schon bei vielen Konzerten und Festivals dabei war, exklusiv begrüßen. Damit geht der Amal Salon in die dritte Runde. Diese Extratour wurde möglich gemacht durch den Journalism Emergency Relief Fund von Google. Zu erleben ist der Auftritt morgen, also am Donnerstag, 16. Juli ab 19 Uhr hier auf Facebook.

Die Unsichtbaren

Vergangene Woche veröffentlichte der Mediendienst Integration eine Studie zu Migrant*innen in Deutschen Medien. Der Titel spiegel schon die niderschmetternden Ergebnisse: “Die Unsichtbaren”. Khalid Alaboud hat für Amal über die Studie berichtet. Untersucht wurden die Hauptnachrichten und Boulevardmagazine der acht reichweitenstärksten bundesweiten Fernsehsender sowie von fünf auflagenstarken bundesweiten Tageszeitungen. Ergebnis: Ein Viertel aller Artikel über Migranten in Deutschland handelt von Menschen, die vielleicht oder tatsächlich Verbrechen begangen haben. Nur 2,9 Prozent der Artikel handeln von Situationen, in denen Migranten Opfer von Gewalt wurden. Nur bei einem Achtel der Beiträge kommen Migranten selbst zu Wort. Und: Erfolgsgeschichten fehlen fast ganz.

Für Redaktionen, die an dieser Schieflage etwas ändern wollen, bieten wir gute Themen, spannende Artikel, kräftige Kommentare, authentische Videos und super qualifizierte und motivierte Mitarbeiter*innen, die gerne Ihre Redaktion verstärken. Schreiben Sie einfach an info@amalberlin.de. Die Ergebnisse der Studie werden uns heute durch diesen Newsletter geleiten.

Ein Viertel aller Artikel über Migranten in Deutschland handelt von Menschen, die vielleicht oder tatsächlich Verbrechen begangen haben

Da hätten wir diese Woche einen Artikel über einen Spion im Bundeskanzleramt. Ein Migrant mit ägyptischen Wurzeln steht im Verdacht, über Jahre für den ägyptischen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Zugegeben, die Geschichte haben wir nicht selbst recherchiert, sondern berichten über einen Bericht aus der Bildzeitung. Darin heißt es, der ägyptische Geheimdienst spioniere unter anderem deshalb in Deutschland, um in Deutschland lebende Gegner des ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi zu beobachten. Der Job ist jetzt erstmal vakant.

Nur 2,9 Prozent der Artikel handeln von Situationen, in denen Migranten Opfer von Gewalt wurden

Mehrfach haben wir in den vergangenen Wochen berichtet, dass es in der Corona-Krise zunehmend zu häuslicher Gewalt gekommen ist. Das gilt für Deutschland insgesamt, und es ist davon auszugehen, dass es in arabischen, afghanischen und iranischen Familien hier nicht wesentlich anders zugeht als in anderen Familien. Der Hamburger Verein Bin ev. hat jetzt ein neues Seminar für Multiplikatorinnen aus der afghanischen Community entwickelt. Ziel ist ein neues Selbstbewusstsein und die Kraft, sich durchzusetzen. Ein Thema sind dabei die Frauenrechte. Auf lange Sicht könnte das Programm dazu beitragen, auch das Schweigen zur häuslichen Gewalt zu verringern. „Afghan* MUT= Multiplikator*innen Schulungen für Afghanische Frauen“ heißt das Programm. Nilab Langar hat vorab mit den Organisatorinnen gesprochen. Zum Artikel auf Farsi geht es hier.

Nur bei einem Achtel der Beiträge kommen Migranten selbst zu Wort

Diese Zahl ist nun echt mickrig. Sie liegt auch darin begründet liegt, das Migrant*innen in diesem Land nicht so viel zu sagen haben. Und, dass ihnen oft nicht zugehört wird. Das Zuhören und Hörbarmachen ist mühsam (Stichwort Sprache). In gar nicht mal so wenig Fällen fehlt den Betroffenen aber auch die Energie, mit anderen zu reden. Sie ziehen sich zurück, igeln sich ein. Leiden an Depressionen. Die Wunden aus der Flucht und die Härten des Neuanfangs prägen das emotionale Leben im Exil. Warum gehen die Leute dann nicht zum Psychologen? Gute Frage. Amal-Reporter Jalal Hussaini hat mit Dr. Mina Orang von der International Psychosocial Organisation IPSO darüber gesprochen. Die Expertin zeigt auf, woran man Depressionen erkennt und warum es wichtig ist, sich Hilfe zu holen. Sich jemanden zu suchen, der einem zuhört, ist dabei ein guter erster Schritt.

Erfolgsgeschichten fehlen fast ganz.

„Sie kam in ein Land, das nicht ihre Sprache spricht“, schreibt Samah Al-Shagdari in ihrem Porträt einer kurdischen Frau, die in Hamburg viel bewegt hat. Ein Zitat, das berührt. Wie oft haben wir in den vergangenen Jahren so ganz andere Sätze gehört und gesagt, Sätze wie: „Ihr müsst endlich die Sprache lernen.“ Oder: „Ohne Deutschkenntnisse kriegst Du hier nie einen Job.“ Der Satz „Sie kam in ein Land, das nicht ihre Sprache spricht“ lädt ein zum Perspektivwechsel. In ihrem Artikel erzählt unsere jemenitische Kolumnistin von einer Elektro-Ingenieurin, die dem Tod schon mehrmals von der Schippe gesprungen ist. Erst vor vielen Jahren bei der Flucht aus dem Irak. Später, als sie Krebs bekam. Und immer wieder hat sie sich aufgerafft und anderen geholfen, dass das Land, das ihre Sprache nicht spricht, dann doch zu ihrem Land geworden ist.

Jede Veränderung beginnt mit einem ersten Schritt.

Und jeder Schritt zählt. Mit dem Weltflüchtlingstag hat das UNHCR eine neue Kampagne gestartet. Jede und jeder ist aufgerufen, die eigenen Schritte zu zählen und auf einer gemeinsamen Webseite zu registrieren. Ziel ist, bis Ende August 20 Millionen Kilometer zu laufen – gemeinsam in einem großen Marsch, an dem sich überall auf der Welt Menschen beteiligen. 20 Millionen Kilometer – das ist die Strecke, die Flüchtlinge weltweit jedes Jahr zurücklegen, um eine sichere Zukunft zu suchen. Zu dem Video von Amloud Alamir (mit deutschen Untertiteln) über die Kampagne kommen Sie hier, zu der Kampagne des UNHCR geht es hier.

Foto: Wikipedia