Photo : Amal, Berlin
09/03/2020

Die Stadt im Corona-Fieber

Wochenende. Ein Araber läuft durch die Straßen dieser Stadt. Er fühlt sich krank. Immer wieder muss er husten, seine Atemwege schmerzen. Er hat Angst. Hat das Virus zugeschlagen? Der Fall ist ernst, denkt der Mann, solche Befürchtungen soll man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Der Mann geht also zum nächsten Krankenhaus und bittet, ihm zu helfen und ihm zu sagen, ob es nun dieses Virus ist oder ein anderes. Nur: Der Mann versteht nicht viel Deutsch. Irgendwie kann er schon erklären, was er denkt, was ihm fehlt. Der Name des Virus funktioniert auf Arabisch und auf Persisch und auch noch in vielen anderen Sprachen. Der Mann versteht auch, dass man ihm im Krankenhaus nicht haben will, auf gar keinen Fall, ruck zuck ist er wieder draußen. Aber was er stattdessen tun soll, versteht er nicht. So viele Worte. Und am Ende nur Verzweiflung.

Die Amal-Redaktion setzt alles daran, auch die Arabisch und Dari/Farsi sprechenden Menschen in Hamburg kontinuierlich und umfassend zu informieren. In und um Hamburg erreichen wir derzeit 7091 arabische und 3089 Dari/Farsi sprechende Menschen. Wir sind darauf vorbereitet, auch dezentral zu agieren.

Die türkisch-griechische Grenze

Das zweite große Thema in dieser Woche ist die Situation an der türkisch-griechischen Grenze. Mit Sorge verfolgen wir, wie die Situation dort eskaliert. Mit unserer Berichterstattung informieren wir, wie deutsche Politiker und europäische Behörden reagieren, wir hören den Aufschrei von Augenzeugen über die Zustände dort, berichten über die Demonstrationen in Berlin, Hamburg und anderswo und hoffen auf eine baldige Lösung. Den Reportern fällt e schwer, die Füße still zuhalten, gerne wären sie auch vor Ort um zu berichten. Aber das ist nicht unser Auftrag. Amal berichtet über das, was in der Stadt (und im Land) los ist. Auch dann, wenn die Weltpolitik schwarze Schatten wirft.

Das Virus und der Rassismus

Heute findet in Hanau die Trauerfeier für die Opfer des Anschlag statt. Angela Merkel ist da und Frank-Walter Steinmeier. Mehr geht nicht. Khalid Alaboud hat die Berichterstattung über den Anschlag und seine Folgen sehr genau beoachtet. Ihm ist aufgefallen, dass wann immer die Überlebenden, die Freunde und Verwandten über die Toten sprachen, sie Sätze sagten wie: “Er war ein anständiger Mann.” Oder: “Er war ein guter Bürger.” Sie betonten, dass er gerade vor hatte zu heiraten; ein anderer wollte ein Haus kaufen; einer hatte eine Ausbildung angefangen, andere hatten eine gute Arbeit. Als würde das irgendwas zur Sache tun. Solche Ereignisse unterscheiden nicht zwischen den Menschen. So wenig wie der Virus, der gerade umgeht. “Der macht keinen Unterschied, ob einer Flüchtling ist oder Sohn dieses Landes, ob einer weiß ist oder schwarz. Wir sind alle gleichermaßen potenzielle Opfer.” Khalid Alaboud ruft dazu auf, die Kräfte zu bündeln und den Corona-Virus und den Rassismus-Virus gemeinsam zu bekämpfen. Seinen Kommentar übersetzen wir gerne!

Berlinale: “There is no Evil”

Samstag Abend. Ein Freundenschrei. „There is no Evil“ ist Sieger der Berlinale. „Ein goldener Bär für den Iran“, jubelte eine Kollegin auf WhatsApp. Später korrigierte sie dann: Natürlich kann die Republik Iran diesen Goldenen Bären nicht für sich verbuchen, eher schon die Kräfte der Opposition, vor allem aber Regisseur Mohammad Rasulof. Er erzählt in seinem Film von vier Menschen, die von der Todesstrafe bedroht sind. Ein Teil der Dreharbeiten fand im Geheimen statt. Rasulof selbst konnte nicht zur Berlinale kommen, er sitzt im Iran fest. Ihm wird Propaganda gegen den Staat vorgeworfen. Den Preis nahm seine in Hamburg lebende Tochter entgegen.

Auch Massoud Bakhshi, der Regisseur von Yalda, gab den Amal-Reportern ein Interview. Sein Film „Yalda“ erzählt von einer Frau, die ihren Mann umgebracht hat. Er lief im Programm Generation14plus. Zum Interview mit Regisseur geht es hier (mit deutschen Untertiteln).

Made in Germany – Made in Syria

Es war einmal, vor langer Zeit, dass Amal-Redakteur Abbas Al Deiri mit seinem Bruder durch die Geschäfte vonn Damaskus zog, immer auf der Suche nach Mode „Made in Europe“ oder „Made in Germany“. Das Label war ihnen Gold wert, es stand für den Traum von einem anderen Leben. Später verließ er sein Land mit Kurs auf Europa. „Treffen wir uns in Berlin?“, fragte der Bruder, nicht ahnend, dass der Weg lang und gefährlich sein und schließlich in Hamburg enden würde. Hier ist alles anders. Zum Beispiel gilt es nun bei seinen Freunden als toll, wenn das Brot auf dem Frühstückstisch arabisch ist und Dinge, die aus Syrien kommen, besondere Gefühle wecken. Ja, er ertappt sich sogar dabei, beim Einkaufen in den T-Shirts nach dem Label zu suchen, immer in der Hoffnung, dass irgendwann einmal „Made in Syria“ drinsteht. So ändern sich die Zeiten. Die Glosse übersetzen wir gern.

Foto: Amal